material / immaterial, Installation view Bingen 2011 / © Archive Mischa Kuball, Düsseldorf / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
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material / immaterial, 1999

2 Spiegelkugeln, 2 Deckenmotoren, 2 Diaprojektoren, 2 Textdias

Ein unbeleuchteter Raum, Lichtpunkte scheinen durch die Luft zu fliegen, beleuchtete Kugeln erzeugen in diesem Kontext die Wirkung von Planeten im All. Der irdische Raum ist aufgehoben, aufgelöst. Je länger der Betrachter den von Wand zu Wand und ins Nichts wandernden Lichtpunkten zuschaut, erkennt er Buchstabenfragmente, die zusammengesetzt die zwei titelgebenden Worte „material“ und „immaterial“ ergeben. Der Raum ist aufgelöst, die Sprache fragmentiert. Die konstante Geschwindigkeit ist der einzige „feste“ Ordnungspunkt in diesem Gefüge. Einzige Lichtquellen sind zwei Projektoren, die jeweils ein Dia auf zwei verschiedene Discokugeln von etwa 60 cm Durchmesser projizieren. Die Kugeln, auf die die Worte projiziert werden, werfen einen runden schwarzen Schatten an die Wand, umgeben von einem Lichterkranz.
Die Arbeit „material/immaterial“, die in Bingen zu sehen ist, ist Teil eines „Sprachraum“ genannten Installationszyklus. Die erste Arbeit wurden 1996 in Düsseldorf und Wuppertal gezeigt und ging nach einer Station in Istanbul auf Reise durch Nordamerika. Die verschiedenen Stationen verbindet der Einsatz derselben Materialien, während sich die Wortwahl verändert. Das Werk entsteht aber vor allem deswegen jedes Mal neu, da die örtlichen Gegebenheiten der bespielten Räume Ausmaß und Wirkung des Kunstwerks bestimmen. Überhaupt ist ein großer Teil der Projekte Kuballs temporär. Dazu passt, dass viele seiner Kunstwerke mit Licht arbeiten, einem Medium, das erst vor Ort und nach Anschalten der Lichtquelle sichtbar ist, aber auch wieder im „Nichts“ verschwinden kann.
Naturwissenschaftlich ist „Licht“ der für den Menschen sichtbare Bereich des elektromagnetischen Spektrums. Alles für den Menschen Sichtbare ist an Licht gebunden. Seit der Antike gilt Licht als Metapher des geistigen Erkenntnisprozesses. Im Christentum (Schöpfungsgeschichte, „Ich bin das Licht der Welt“) spielt es eine zentrale Rolle. Licht ist im Sinne des aufklärerischen Denkens, das im Englischen interessanterweise „Enlightenment“ heißt, im Bezug auf das eigene, „erhellende“ Tun ein Medium und Instrument. Die Nutzung der elektrischen Energie als Kunstlicht und die damit einhergehende Unabhängigkeit von den Tageszeiten hat den Rhythmus und den Alltag des Menschen nachhaltig verändert.
Wir müssen erst in einen Innenraum gehen, um zur Reflexion über ein faszinierendes Naturphänomen animiert zu werden. Kuball schafft es auf betörende Weise, das Medium Licht, das uns täglich umgibt, zumindest für einen Moment in das Zentrum unserer Wahrnehmung und unseres Denkens zu transportieren.