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Newpottler

Aus glücklichem Zufall

Harald Welzer, 2011

Das Neue ist meist schon da. Man sieht es nur nicht, weil einem das Alte den Blick verstellt. Und dieses Alte den Rahmen dafür liefert, was als neu gilt. Daneben bleibt das wirklich Neue unsichtbar und nirgendwo kann man das besser sehen als im „Pott“. Der hat sich gerade als „Kulturhauptstadt“ inszeniert und sich dabei als ein „Neues“ imaginiert, das andernorts schon vor Jahrzehnten aus der Mode gekommen ist: im Abschied von der Industriekultur, im Irrtum, diese ließe sich durch Kreativkultur ersetzen, in der Apotheose der Autobahn. Nein, das alles ist allerhöchstens das Alte neu aufgebügelt, telegen, für die Medien aufgepimpt.

Das wirklich Neue ist natürlich nicht der modernisierte Kumpel und seine handfeste Frau, die vermeintliche Herzlichkeit und Herberts Hymne: das alles sind Klischees, die eine vergangene Epoche über sich selbst hochhält. Das Neue sind die Anderen, die ein Büdchen gepachtet haben, im Restaurant bedienen, Zahnärzte sind oder Managerin und die den lebendigen „New Pott“ bilden, den wirklich modernen Teil des Ruhrgebiets.

Denn sie sind es, die – oft unter erheblichen Risiken und nicht selten rein zufällig – einmal hier gelandet sich entschlossen haben zu bleiben. Die Newpottler gestalten ab diesem Zeitpunkt nicht nur ihr eigenes Leben, sondern natürlich auch das Umfeld, in dem sie sich heimisch zu machen versuchen und das sie dadurch verändern, dass sie nun hier wohnen, arbeiten und leben.

Mischa Kuballs „oral and visual history“ des New Pott macht das Neue sichtbar, das jenseits der fernsehtauglichen Pseudo-Novitäten längst schon in Form kultureller Gepäckstücke der unterschiedlichsten Art und globaler Mitbringsel hier ist und wirkt: und auf diese Weise Heimat gestaltet. Mischa Kuballs Interviews zeigen auch, dass das alles nicht bruchlos und harmonisch ist. Auch der New Pott ist keine Weltgegend, die Fremde freudig willkommen heißt und sich immer schon freut, wenn Neue dazukommen: Zwar sind offener Rassismus und Hass nur Randerscheinungen, aber trotzdem sprechen die Newpottler immer auch über ihr Anders-Sein, gespiegelt in der Differenz, die ihnen die Blicke der Alteingesessen, der Pottdeutschen zeigen.

Immer bleibt ein unaufgehobener Rest, wo innerer, äußerer und gefühlter Inländer nicht zur Deckung kommen, und dieser Rest bedeutet: Ausländer sein. Dennoch: die meisten Newpottler fühlen sich wohl im Ruhrgebiet und leben sehr gern dort, gerade wegen des hohen Migrantenanteils, der wie eine schützende Hand über dem Pott liegt, der in dieser –und wohl nur in dieser – Hinsicht tatsächlich metropolitan ist. Daraus könnte der Pott Kapital schlagen: nicht die Eigenarten, die ja längst nicht mehr als Folklore sind, hervorheben: seltsam sind die Leute anderswo auch. Sondern die Offenheit betonen, die Bereitschaft, sich zu mischen und neu zu erfinden, das grundsätzlich Nicht-Sarrazinige, das diese Region schon immer ausgezeichnet hat, und zwar gegenüber allen anderen Regionen Deutschlands.

Würde man diese „Weltläufigkeit von unten“ stärken, kämen die nächsten Newpottler nicht wie die Interviewten lediglich aus „glücklichem Zufall“ dorthin, sondern mit Absicht: in eine Metropolregion, in der Einwanderung so selbstverständlich ist, dass sie längst kein Thema mehr ist. Schon gar nicht in der zweiten, dritten, vierten Generation. Die „Heimat“ ist übrigens längst schon eine mobile geworden und wird es bleiben, solange Flugzeuge fliegen: man kehrt, sofern es eine europäische ist, oft und selbstverständlich zurück, pflegt Freundschaften, macht Geschäfte, ist kosmopolitisch, ohne es zu wissen.

Blockiert kosmopolitisch sind die Newpottler dort, wo sie latent fürchten nicht anerkannt zu werden und den Stereotypen zu entsprechen, die die deutschen Drittgeneration-Ureinwohner über sie hegen – und die spiegeln sich eins zu eins in der Reproduktion der Vorurteile gegenüber „dem Deutschen“, der in anderen Augen immer noch „der fleißige, kalte, emotionslose deutsche Ingenieur“ ist, der er niemals war, aber lange gerne sein wollte. Aber das wird sich geben, wenn es nur lange genug so weiter geht.

Heute ist es noch, das zeigen Kuballs Interviews, Zufall, wo man ankommt: weil die Asylbehörde keinen passenden Übersetzer parat hatte oder weil der Mitflüchtling auf dem Boot aus irgendeinem Grund von „Bochum“ sprach und man deshalb auch dahin wollte. Aber es ist kein Zufall, wo man bleibt. Und seine Geschichte erzählen kann. Und dass dieses „Wo“ für die Newpottler eben der Pott ist, kann als das größte Kompliment gelten, das man dem Ruhrgebiet machen kann: wo man bleiben will.

in: Mischa Kuball; Harald Welzer (ed.): New Pott: Neue Heimat im Revier. Christoph Keller Editions; JRP/Ringier Kunstverlag AG, Zürich 2011, p.23-27.